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In der Nacht zum 8.1.2013 gegen 00:40 Uhr wurde bei einem Speditionsbetrieb in Kürnach (Landkreis Würzburg) ein IBC Behälter beim Beladen mit einem Hubstapler beschädigt. Dabei wurden ca. 500 Liter Flusssäure freigesetzt. Nach ersten Berichten klagten insgesamt 14 Personen über Reizungen der Atemwege [1].

Flusssäure

Flusssäure ist ein Gemisch von Fluorwasserstoff gelöst in Wasser, dabei ist Fluorwasserstoff in beliebigem Verhältnis mit Wasser mischbar. Die 50 Gew%ige Säure hat einen Siedepunkt von 105°C. Die Flüssigkeit ist farblos, hygroskopisch und raucht bei Konzentrationen über 70 Gew% Fluorwasserstoff [2]. Eine Besonderheit von Flusssäure ist, dass sie mit Glas (und auch Asphalt) chemisch reagiert.

Gemäss "Gefahrendiamant" ist Flusssäure sehr toxisch nicht aber brandgefährlich. Der Toxizitätswert AEGL-2 (60 min) ist 24 ppm und ist vergleichbar mit dem von Salzsäure mit 22 ppm. Flusssäure wirkt über die Haut einerseits aufgrund der Ätzwirkung und andererseits aufgrund der Toxizität des Fluorids. Dieser letztere Umstand unterscheidet Flusssäure von Salzsäure. Der Wirkeintritt ist konzentrationsabhängig: <20% bis 24h möglich, 20-50% nach 1-8h, >50% sofort. Das Leitsymptom über die Haupt ist ein starker, anhaltender Schmerz (auch ohne Verätzung). Bei Inhalation ergeben sich reizende bis ätzende Wirkung auf die oberen Luftwege, Lungenödem, Systemische Wirkungen durch pulmonale Resorption [3].

Wichtig: Vergiftungssymptome durch Flusssäure können erst nach Stunden verzögert auftreten.

Gefahrenabschätzung mit MET

Die erste Frage, dies sich stellt, was ist bekannt bei diesem Unfall? Die Art des Gefahrstoff, also Flussäure, ergibt sich durch die ADR Kennzeichung. Gibt man die UN-Nr 1790 in der MET-Substanzsuche links oben ein, sieht man rechts die ADR Liste mit 3 EInträgen:

Flusssäure gehört zur ADR Klasse 8. Es werden 3 Konzentrationsbereich: über 85%, über 60 bis höchstens 85% und bis höchstens 60% unterschieden. Diese Information ist wichtig zur Beurteilung in welchen Konzentrationsbereichen die Säure überhaupt transportiert wird.

Die Abschätzung der freigesetzten Masse kann aufgrund der Grösse des Transportbehälter abgeschätzt werden. Da es sich um IBC mit vermutlich 1000 l Volumen handelt, können max. 1000 l ausfliessen. Ist die Beschädigung einsichtbar und ist sie oberhalb der halben IBC Höhe dann sind es weniger als 500 l.

Da Flusssäure als Flüssigkeit vorliegt, kann mit der Freisetzung über eine Lachenverdampfung gerechnet werden.

Was aus den Berichten nicht hervorgeht ist die Konzentration in Gew% der ausgeflossenen Säure. Wir wählen beispielsweise 40%, 60% 80%.

Gehen wir von der Freisetzung von ca. 1000 l aus, die eine Lache mit etwa 2 cm Lachenschichtdicke bildet. Windgeschwindigkeit ca. 10 km/h, bedeckter Himmel, Stadt so erhalten wir für:

  • Eine 40% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 90 m in Windrichtung für Personen im Freien.
  • Eine 60% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 140 m in Windrichtung für Personen im Freien.
  • Eine 80% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 270 m in Windrichtung für Personen im Freien.

Gegen wir von der Freisetzung von ca. 500 l aus, wie in den Medien verbreitet [1] erhalten wir für:

  • Eine 40% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 70 m in Windrichtung für Personen im Freien.
  • Eine 60% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 120 m in Windrichtung für Personen im Freien.
  • Eine 80% Flusssäure eine Gefahrendistanz von 210 m in Windrichtung für Personen im Freien.

Die Konzentration der Säure ist ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Gefahrendistanz. Sie ist von grösserer Bedeutung als ob nun mit 1000 l oder 500 l Säure gerechnet wird. Uebrigens wenn die Säure in eine Wanne geflossen wäre, spielt die ausgeflossene Menge eine untergeordnete Rolle (siehe auch hier) .  

MET Szenariomaske mit 40% und 500 l Flusssäure
Schlussfolgerung

Wenn nur bekannt ist, dass ein 1000 l IBC Behälter Flusssäure Leck geschlagen ist, aber weder die Konzentration der Säure noch die Menge der Säure oder die Lachenfläche bekannt sind, dann kann eine Gefahrendistanz von ca. 300 m angenommen werden. Ist die Konzentration der Säure bekannt wie z.B. 40% (was eine weitverbreite Konzentration für Flussäure ist), und ist etwa die Hälfte der Menge ausgeflossen, dann muss mit einer Gefahrendistanz von ca. 70 m für Personen im Freien und ca. 30 m für Personen in einem Haus gerechnet werden. Ist die Konzentration noch tiefer reduziert sich die Gefahrendistanz weiter.

Tip: Falls die freigesetzte Menge an Flüssigkeit nur schwer abzuschätzen ist, aber die Fläche der Lache ungefähr, dann empfiehlt sich die effektiven Lachendimension einzusetzen und für die Masse oder Volumen eine Zahl die grösser ist als die maximal vermutete Menge.  

Referenzen

[1] Nachrichten HanauOnline (http://www.hanauonline.de/2012-06-25-19-21-46/deutschland/3435-flusssaeure-bei-einer-spedition-freigesetzt.html) aufgerufen am 8.1.2013

[2] Hydrofluoric Acid Properties, Honeywell Specialty Chemicals, Volume 1.1, January 2002

[3] Ch. Rauber, H. Kuoferschmidt, Vergiftungen durch Flusssäure, Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum, 2008 (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/associates/intranet/Service/sicherheit-gesundheit-umwelt/SGU/files/gefahrstoffe_chemikalien_gase/de/Flusssaeure_und_Fluorwasserstoff-TOX-Merkblatt_zu_Vergiftungen.pdf) aufgerufen am 8.1.2013

Highlights

29.12.2016 16:20

Auswertung Umfrage "Aktivierungs- energie"

finden Sie [hier]




21.12.2016 18:22

MET für Windows Version 6.5

Die wichtigsten Neuerungen [mehr]




11.10.2016 15:46

Die App zu MET: Eine Vorschau

[mehr]




13.05.2016 08:31

Mai Service-Update für MET für Windows 6.0 verfügbar.

[mehr]




31.12.2015 15:49

Auswertung Umfrage "Kaltes Feuer"

finden Sie [hier]




12.11.2015 19:40

Openstreetmap

Version 6 von MET für Windows unterstützt die Verwendung von Openstreetmap-Karten [hier]



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